{"id":278,"date":"2023-01-10T10:20:11","date_gmt":"2023-01-10T10:20:11","guid":{"rendered":"https:\/\/anastasiayasko.com\/?post_type=press_article&#038;p=278"},"modified":"2023-11-05T10:53:56","modified_gmt":"2023-11-05T10:53:56","slug":"frederic-chopin-piano-works-3","status":"publish","type":"press_article","link":"https:\/\/anastasiayasko.com\/en\/press-article\/frederic-chopin-piano-works-3\/","title":{"rendered":"&#8222;Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin Piano Works&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p>Zu meinen ersten Schallplatten, die mir, als ich ein heranwachsender J\u00fcngling war, erst meine Mutter, sp\u00e4ter ich selbst (von meinem Taschengeld) kaufte, z\u00e4hlte die auch &#8222;bei uns&#8220; in der damaligen DDR lizenz-ver\u00f6ffentlichte RCA-Edition s\u00e4mtlicher Klavierwerke von Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin mit dem j\u00fcdischen Pianisten Artur Rubinstein. Ich hatte die LPs bald alle zusammen, und bis heute klingen mir besagte Rubinsteins noch immer in den Ohren; ja, so lernte ich Chopins Klavierwerk kennen&#8230; Merkw\u00fcrdig und fast auch komisch fand ich es dann schon, dass ich seither &#8211; und immerhin, jetzt bin \u00fcber 60 &#8211; kaum dann jemand anderen zu &#8222;akzeptieren&#8220; bereit war, der mir irgendwann und irgendwo einen Chopin, also nach seiner Art, nach seiner launigen Fasson, vorspielen w\u00fcrde; schlie\u00dflich gab es hin und wieder doch dann einige, denen ich live oder mittels Konserve (Schallplatte, CD) Chopin f\u00fcr mich zu spiel&#8217;n &#8222;erlaubte&#8220;: Lasar Berman, Maurizio Pollini,&nbsp;<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.kultura-extra.de\/musik\/auffuehrungen\/konzertkritik_JanLisiecki_Chopin.php\" target=\"_blank\">Jan Lisiecki (neulich erst)<\/a>. So H\u00f6rerlebnisse pr\u00e4gen sich ein, und eine fast schon engstirnige Vorbelastetheit mag sich hieraus ergeben haben &#8211; doch ich will und kann nat\u00fcrlich auch weit \u00fcber meinen Schatten springen&#8230; <\/p>\n\n\n\n<p>Die in Kursk geborene russische Pianistin&nbsp;<strong>Anastasia Yasko<\/strong>&nbsp;&#8211; sie ist \u00fcbrigens auch Doktor der Philosophie und unterrichtet seit 2018 am Mozarteum in Salzburg Klavier &#8211; hat jetzt vier umfangreichere St\u00fccke von Chopin f\u00fcr ihre mittlerweile zweite CD ausgesucht und eingespielt: zwei Polonaisen, eine Ballade und eine Sonate. Die Scheibe erschien jetzt beim Label ARS Produktion. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Pianistin hat das Booklet zu ihrer CD selbst geschrieben, in ihm sind zu allen St\u00fccken lesenswerte Werkeinf\u00fchrungen zu finden; ich zitiere aus ihren Texten:<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Die Musik des<\/em>&nbsp;Andante spianato&nbsp;<em>erzeugt durch eine ruhige Begleitung der linken Hand sowie eine singende, quasi schwebende Melodie, einen gro\u00dfen Kon\u00adtrast zur heroisch-brillanten Polonaise. Der Mittelteil des<\/em>&nbsp;Andante (Semplice)&nbsp;<em>mit dem Rhythmus einer Mazurka bringt nur etwas mehr Tanzbewegung in die gesamte kontemplative Stimmung. Da der Orchesterpart haupts\u00e4chlich nur eine rein begleitende Funktion hat, wird das Werk oft ohne Orchester gespielt. Trotz der Virtuosit\u00e4t, Brillanz und Bra\u00advour eines polnischen Tanzes empfindet man in dieser<\/em>&nbsp;Polonaise&nbsp;<em>eine gewisse emotionale Tiefe und sogar innere Dra\u00admatik in der c-Moll Episode. Eine trium\u00adphale, &#8218;brillante&#8216; Kadenz schlie\u00dft den Zyklus mit der rhythmischen Hauptfigur der Polonaise in Oktaven ab.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Beide Versionen, also die mit und die ohne Orchester, hatte auch Rubinstein damals aufgenommen, und ich war berauscht von seinem &#8222;Glasperlenspiel&#8220; (<em>Andante spinanato<\/em>), wie als wollte er durch einen nahen Nebelschleier in eine ihm unsichtbare, unbekannte Ferne schweifen; tr\u00f6pfelnd, nieselnd, perlend halt&#8230; Bei Anastasia Yasko h\u00f6rt sich Gleiches eigent\u00fcmlich unsentimental, fast n\u00fcchtern an, man ist sogar geneigt, jeden der &#8222;vor- und abperlenden&#8220; T\u00f6ne mitzuz\u00e4hlen, sowieso vernebelt sie da nichts, aber auch gar nichts, und &#8211; das klingt schon (f\u00fcr mich) neu und gut und ist von einem tiefsinnigen, intelektuellen Reiz. Gef\u00e4llt mir. <\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Die vierte Ballade unterscheidet sich im Vergleich zu den vorigen, und das nicht nur durch eine anspruchsvolle Technik. Die Form ist hier komplex und die musikalischen Gestalten sind tenden\u00adziell dunkler und tragischer. Trotz dem hellen, kontemplativen Thema in der kurzen Einleitung erzeugt das Hauptthema eine melancholische und innerlich sehr schmerzliche Stimmung. Manche Themen haben einen fast religi\u00f6sen und choralartigen Charakter, w\u00e4h\u00adrend die anderen traumhaft und hell sind. Das permanente Variieren von The\u00admen und deren intensive Dramatisierung f\u00fchrt zu einer st\u00fcrmischen Coda, nach welcher die Ballade voller Verzweiflung und Tragik endet.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Yaskos Interpretation hat etwas Bodenhaftiges, ist erdnah und entbehrt sodurch nicht einem nachhaltigen Anteil natureller Kraft. <\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Die viers\u00e4tzige Sonate<\/em>&nbsp;[in h-Moll Nr. 3 op. 58]&nbsp;<em>zeigt Chopins Reifeprozess in seinem Kompositionsstil: diese ist nicht mehr so impulsiv und hochdramatisch wie die vorangegangene Sonate op. 36, sondern viel introvertierter und zur\u00fcckhaltender. Man sp\u00fcrt mehr Balance in der Formbbildung sowie in den tiefgreifenden und vieldeutigen musikalischen Gestalten.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist das Kernst\u00fcck der CD und zeugt sowohl von Yaskos unbedingtem Kenntnisreichtum hinsichtlich des Noten- und des Kontextes von der Sonate als auch ihrer interpretatorischen Durchdringung, kurzum: es hat pianistische Klasse! Ihr Spiel ist Prosa, man gelangt von Satz zu Satz als bl\u00e4ttere man sich in einem Buch von einem zum n\u00e4chsten Kapitel und &#8211; es wird nie langweilig, man ist gespannt, was halt als N\u00e4chstes so passiert. <\/p>\n\n\n\n<p>Die abschlie\u00dfende Polonaise-Fantasie op. 61&nbsp;<em>&#8222;ist quasi ein Poem f\u00fcr Klavier, in welchem die innigsten Gef\u00fchle des Komponisten mitsamt allen Schattierun\u00adgen eine klangliche Form annehmen. Man erkennt hier die Tendenzen eines sp\u00e4ten Chopin mit komplexen Emotio\u00adnen zu einem Kompositionsstil mit einer \u00e4u\u00dferst sensiblen Phrasierung und sehr wechselhaften Stimmungen.<\/em>&nbsp;[&#8230;]&nbsp;<em>Die Kernaussage von Chopins Polonaisen hat der britische Musikwis\u00adsenschaftler Arthur Hedley sehr treffend interpretiert: &#8218;Stolz in der Vergangen\u00adheit, Klagen in der Gegenwart, Hoffnung auf die Zukunft&#8216;.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier \u00fcberzeugt Yasko, und auch hier &#8211; wie in den andern von ihr eingespielten Chopinst\u00fccken &#8211; bleibt sie als Entschw\u00fclstigerin stark erkenn- und erinnerbar. Vielleicht z\u00e4hlt es tats\u00e4chlich zum Verf\u00e4nglichsten und Schwierigsten f\u00fcr Pianistinnen und Pianisten, eine mehr gef\u00fchlsentschlackende Sicht der Dinge in puncto Chopin, der mitunter schon recht s\u00fc\u00dflich klingen k\u00f6nnte, wenn er allzu s\u00fc\u00dflich (also v\u00f6llig falsch) gesehen und gespielt w\u00fcrde; das vordergr\u00fcndig vermieden zu haben, gelang ihr ziemlich gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachh\u00f6ren!<\/p>\n","protected":false},"template":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/anastasiayasko.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/press_article\/278"}],"collection":[{"href":"https:\/\/anastasiayasko.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/press_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/anastasiayasko.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/press_article"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/anastasiayasko.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=278"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}